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Grammatik verstehen · A1 bis A2

Verben konjugieren: das Präsens sicher bilden

ich komme, du kommst, er kommt – die Konjugation ist das Erste, was man im Deutschen lernt, und das, worauf alles andere aufbaut: Fragen, Nebensätze, Perfekt, Modalverben. Die gute Nachricht: Das Präsens hat nur ein Endungsmuster, drei Sonderregeln und eine überschaubare Liste unregelmäßiger Verben. Hier steht das System – mit Tabellen, die man wirklich braucht.

Das Grundmuster: Stamm + Endung

Jedes deutsche Verb hat im Wörterbuch die Form auf -en (oder -n): kommen, wohnen, lernen, sammeln. Diese Form heißt Infinitiv. Nimmt man das -en weg, bleibt der Stamm: komm-, wohn-, lern-. An den Stamm kommt für jede Person eine feste Endung:

PersonEndungkommenwohnenlernen
ich-ekommewohnelerne
du-stkommstwohnstlernst
er / sie / es-tkommtwohntlernt
wir-enkommenwohnenlernen
ihr-tkommtwohntlernt
sie / Sie-enkommenwohnenlernen

Drei Beobachtungen, die das Lernen verkürzen: wir und sie/Sie sind immer identisch mit dem Infinitiv. er/sie/es und ihr haben dieselbe Endung -t. Und die Höflichkeitsform Sie (groß geschrieben) wird wie sie (Plural) konjugiert – Sie kommen, Sie wohnen –, auch wenn Sie nur eine Person ansprechen. Wann man Sie und wann du sagt, ist eine Frage der Situation, nicht der Grammatik.

Drei Sonderregeln, die nur die Aussprache retten

Alle drei Regeln existieren, damit die Endung sprechbar bleibt. Sie ändern nichts am System, nur an einem Buchstaben:

RegelBei welchen VerbenBeispiel
Ein e dazwischen bei du, er/sie/es, ihrStamm endet auf -t oder -d (arbeiten, warten, finden, reden, bilden, öffnen, rechnen – auch Stämme auf -m/-n nach Konsonant)du arbeitest, er arbeitet, ihr arbeitet · du findest, sie findet · es regnet, du öffnest
Nur -t statt -st bei duStamm endet auf -s, -ss, -ß, -z, -tz, -x (reisen, heißen, essen, sitzen, tanzen, mixen)du reist, du heißt, du tanzt, du sitzt – die Form für du und er sieht gleich aus
Nur -n statt -en bei wir, sie/Sie und InfinitivStamm endet auf -el oder -er (sammeln, lächeln, klingeln, wandern, ändern, feiern)wir sammeln, sie wandern · bei ich fällt oft das e im Stamm weg: ich sammle, ich lächle

Der Vokalwechsel: sprechen, lesen, fahren

Eine Gruppe von Verben ändert bei du und er/sie/es – und nur dort – den Vokal im Stamm. Ich spreche, aber du sprichst, er spricht. Die Endungen bleiben ganz normal; nur der Stammvokal wechselt. Es gibt drei Muster:

WechselVerben (Auswahl)ichduer / sie / eswir
e → isprechen, essen, geben, nehmen, helfen, treffen, werfen, vergessen, sterben, brechensprechesprichstsprichtsprechen
e → ielesen, sehen, empfehlen, befehlen, geschehen, stehlenleseliestliestlesen
a → äfahren, schlafen, tragen, waschen, laufen (au → äu), fallen, halten, lassen, fangen, wachsen, raten, backenfahrefährstfährtfahren

Drei Formen sind zusätzlich unregelmäßig und sollten einzeln gelernt werden: nehmen → du nimmst, er nimmt (mit Doppel-m), essen → du isst, er isst (kein zusätzliches -t) und halten → du hältst, er hält (kein zweites -t, obwohl der Stamm auf -t endet; ebenso raten → er rät). Wichtig: Der Vokalwechsel gilt nur für du und er/sie/es. Ihr sprecht, ihr fahrt, ihr lest – ohne Wechsel. Das ist einer der häufigsten Fehler auf A1.

Die vier Verben, die man einfach auswendig lernt

sein, haben, werden und wissen folgen keinem Muster – sie sind aber die häufigsten Verben der Sprache, weil sie auch als Hilfsverben für Perfekt, Passiv und Futur gebraucht werden. Sie nach der ersten Woche sicher zu haben, lohnt sich mehr als alles andere:

Personseinhabenwerdenwissen
ichbinhabewerdeweiß
dubisthastwirstweißt
er / sie / esisthatwirdweiß
wirsindhabenwerdenwissen
ihrseidhabtwerdetwisst
sie / Siesindhabenwerdenwissen

wissen verhält sich wie die Modalverben: ich und er/sie/es haben dieselbe Form ohne Endung, der Vokal im Singular ist ein anderer als im Plural. Genauso: ich kann – wir können, ich muss – wir müssen, ich darf – wir dürfen, ich will – wir wollen, ich soll – wir sollen, ich mag – wir mögen, ich möchte – wir möchten. Wer wissen kann, kann die Modalverben mit.

Trennbare Verben: die Vorsilbe geht ans Ende

Bei Verben wie anfangen, aufstehen, einkaufen, mitkommen wird nur der Verbteil konjugiert – die Vorsilbe wandert ans Satzende: Ich stehe um sieben auf. Fängst du morgen an? Er kauft am Samstag ein. Die Konjugation selbst folgt den Regeln oben, Vokalwechsel eingeschlossen: ich fange an, du fängst an, er fängt an. Die vollständige Regel mit Betonung und Vorsilbenliste steht unter Trennbare Verben.

Die 40 Verben, die Sie zuerst brauchen

Mit diesen Verben lassen sich die meisten Alltagsgespräche auf A1 führen. Die Spalte er/sie/es zeigt sofort, ob das Verb regelmäßig ist – bei allem, was dort vom Muster abweicht, lohnt sich ein zweiter Blick:

Verber / sie / esBesonderheitVerber / sie / esBesonderheit
seinistunregelmäßigkommenkommt–
habenhatunregelmäßiggehengeht–
werdenwirdunregelmäßigfahrenfährta → ä
machenmacht–laufenläuftau → äu
sagensagt–bleibenbleibt–
sprechensprichte → iwohnenwohnt–
heißenheißtdu heißtlebenlebt–
lernenlernt–arbeitenarbeitet-e- eingeschoben
verstehenversteht–brauchenbraucht–
wissenweißunregelmäßigkaufenkauft–
kennenkennt–kostenkostet-e- eingeschoben
gebengibte → iessenisste → i, du isst
nehmennimmte → i, mmtrinkentrinkt–
sehensiehte → ieschlafenschläfta → ä
lesenlieste → ie, du liestfindenfindet-e- eingeschoben
schreibenschreibt–helfenhilfte → i
hörenhört–treffentriffte → i
fragenfragt–öffnenöffnet-e- eingeschoben
antwortenantwortet-e- eingeschobenwartenwartet-e- eingeschoben
möchtenmöchtewie Modalverbanfangenfängt … antrennbar, a → ä

Wo das Verb im Satz steht

Konjugieren allein reicht nicht – das konjugierte Verb muss an die richtige Stelle. Im Aussagesatz und in der W-Frage steht es auf Position 2 (Ich lerne Deutsch. Morgen lerne ich Deutsch. Wo wohnst du?), in der Ja/Nein-Frage auf Position 1 (Wohnst du in Berlin?). Bei Modalverben und trennbaren Verben entsteht die Satzklammer: konjugierter Teil vorn, Rest am Ende (Ich muss heute arbeiten. Ich stehe früh auf.). Die Regeln im Detail: Satzbau und Wortstellung.

Was auf welcher Stufe verlangt wird

StufeErwartung
A1Regelmäßige Verben in allen Personen; sein, haben sicher; die häufigsten Verben mit Vokalwechsel (sprechen, fahren, lesen, essen, nehmen, schlafen); Modalverben können, müssen, möchten; trennbare Verben im Hauptsatz
A2Alle Modalverben; werden, wissen; die Sonderregeln bei -t/-d und -s/-z ohne Nachdenken; Präsens als Grundlage für Perfekt (haben/sein + Partizip) und Nebensätze (Verb am Ende)
B1 und höherDie Konjugation ist Automatismus. Fehler bei du-Formen mit Vokalwechsel oder beim eingeschobenen -e- fallen in der mündlichen Prüfung als Grundfehler auf und kosten Punkte im Kriterium „Korrektheit“

Typische Fehler – und was dagegen hilft

FehlerRichtigWarum
ihr sprecht → ihr sprichtihr sprechtVokalwechsel nur bei du und er/sie/es
du arbeitstdu arbeitestStamm auf -t → eingeschobenes -e-
du heißstdu heißtStamm auf -ß → nur -t
er hat gehen → er gehter gehtIm Präsens gibt es kein Hilfsverb; hat gehört zum Perfekt
ich kanneich kannModalverben und wissen: keine Endung bei ich und er/sie/es
Sie kommt morgen? (höflich)Kommen Sie morgen?Höflichkeits-Sie nimmt die Pluralform und steht in der Frage hinter dem Verb
ich aufstehe um siebenich stehe um sieben aufTrennbare Vorsilbe ans Satzende

So üben wir das im Unterricht

Konjugationstabellen auswendig zu lernen bringt wenig, wenn die Formen im Gespräch nicht kommen. Im Einzelunterricht und im A1-Kurs arbeiten wir deshalb umgekehrt: erst die 40 Verben in echten Sätzen über Sie – Ihre Arbeit, Ihren Tag, Ihre Familie –, dann die Regel dahinter, dann gezielte Wiederholung der Formen, die bei Ihnen hängen bleiben (meist die du-Formen mit Vokalwechsel). Wer aus einer Sprache kommt, die Verben kaum flektiert, bekommt zusätzliche Hörübungen: Die Endung -t oder -st muss man erst hören, bevor man sie zuverlässig spricht. Ab A2 kommt das Perfekt dazu – und da zahlt sich aus, wer haben und sein im Präsens blind kann.

Häufige Fragen

Wie viele unregelmäßige Verben gibt es im Präsens?

Im Präsens sind nur wenige Verben wirklich unregelmäßig: sein, haben, werden, wissen und die Modalverben. Dazu kommt die Gruppe mit Vokalwechsel bei du und er/sie/es (e→i, e→ie, a→ä), die rund 40 häufige Verben umfasst. Alle anderen Verben folgen dem Grundmuster -e, -st, -t, -en, -t, -en.

Die große Zahl unregelmäßiger Verben betrifft Perfekt und Präteritum, nicht das Präsens.

Warum heißt es „du arbeitest“, aber „du lernst“?

Weil der Stamm arbeit- auf -t endet. Die Endung -st wäre dann nicht sprechbar (arbeitst), deshalb wird ein -e- eingeschoben: du arbeitest, er arbeitet, ihr arbeitet. Dasselbe gilt für Stämme auf -d (finden, reden) und für Stämme auf -m oder -n nach Konsonant (atmen, öffnen, rechnen).

Bei lern- ist die Endung problemlos sprechbar, also bleibt es bei du lernst.

Woher weiß ich, ob ein Verb den Vokal wechselt?

Nur Verben mit e oder a im Stamm können wechseln – und auch nicht alle: gehen, leben, kennen, machen, sagen, fragen bleiben regelmäßig. Eine sichere Regel gibt es nicht; man lernt die Verben mit Wechsel als Gruppe.

Praktisch ist, jedes neue Verb zusammen mit seiner er-Form zu notieren (sprechen – spricht, fahren – fährt, lesen – liest). Dann sieht man die Besonderheit sofort. Gute Wörterbücher und Lehrbücher markieren diese Verben.

Wie wird die Höflichkeitsform „Sie“ konjugiert?

Wie die 3. Person Plural: Sie kommen, Sie haben, Sie sind, Sie sprechen – ohne Vokalwechsel, auch wenn Sie nur eine einzelne Person ansprechen. Der Unterschied zu sie (Plural) ist nur die Großschreibung. In der Frage steht Sie hinter dem Verb: Kommen Sie morgen? Haben Sie Zeit?

Diese Form brauchen Sie im Beruf, bei Behörden und mit Unbekannten – also von der ersten Stunde an.

Reicht das Präsens, um über die Zukunft zu sprechen?

Ja, im Deutschen sehr oft. Mit einer Zeitangabe drückt das Präsens die Zukunft aus: Morgen fahre ich nach Hamburg. Nächste Woche beginnt der Kurs. Das Futur mit werden (Ich werde fahren) ist möglich, aber im Alltag seltener und eher für Vermutungen oder Versprechen.

Wer das Präsens sicher kann, hat die Zukunft im Alltag also schon mit abgedeckt. Die Übersicht aller Tempora: Zeitformen im Überblick.

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